Zentrale Anlaufstelle für Innovationsbegeisterte

Tim Ole Jöhnk, ein waschechter Schleswig-Holsteiner im Silicon Valley

Das NGIO – Northern Germany Innovation Office – ist die zentrale Anlaufstelle für Innovationsbegeisterte aus Norddeutschland. StartUps, Unternehmen, Verbände, Hochschulen können sich über neue Technologien, Ansätze und Anwendungsmöglichkeiten informieren. Aber es werden auch Mentoren für Innovationsprojekte gesucht. Im Gegensatz zu den Vertretungen anderer Bundesländer ist das NGIO eine Länderkooperation von Schleswig-Holstein und den Freien Hansestädten Hamburg und Bremen. Durch den gemeinsamen Auftritt werden die beteiligten Länder viel besser wahrgenommen. Damit wird Norddeutschland eine feste Größe im Innovationsnetzwerk Silicon Valley. Die WTSH hat das NGIO in San Francisco im Auftrag des Landes seit Juli 2018 aufgebaut und wird es zunächst für die Dauer von drei Jahren betreiben.

WTSH-Online-Redaktion: Tim Ole, wie kommt man eigentlich als waschechter Kieler nach San Francisco?

Jöhnk: Um es mit drei Worten zu sagen: Abenteuerlust gepaart mit Studium, Arbeit und schließlich Ehe. Ich bin bereits 2014 in die USA gezogen und habe in Oregon meinen MBA (Master Of Business Administration) gemacht. Damals wollte ich gerne in den USA, insbesondere an der Westküste, studieren. In Oregon habe ich ideale Bedingungen vorgefunden: eine gute und trotzdem bezahlbare Universität mit engen Kontakten zur Wirtschaft. Allerdings habe ich nach meinem Abschluss 2016 trotzdem nicht gleich ein Arbeitsvisum bekommen und bin ins Silicon Valley gezogen, weil ich mir dort höhere Jobchancen ausgerechnet hatte – glücklicherweise hatte ich damit auch Recht. Danach fügte sich einfach alles wunderbar zusammen. Meine Frau und ich haben geheiratet, ich hatte einen tollen Job in der Venture-Szene gefunden und plötzlich wurden Kiel und San Francisco Partnerstädte.

WTSH-Online-Redaktion: Mit den Unternehmerreisen machst Du das Silicon Valley erlebbar. Da stehen dann auch mal Besuche bei den großen Playern wie Google, Facebook oder Plug and Play auf dem Prgramm. Was ist denn das Ziel solcher Formate?

Jöhnk: Ziel ist es, selbst zu erleben! Die Teilnehmenden sollen nach Hause kommen und die Energie mitnehmen, die sie hier spüren. Meine Hoffnung ist es, dass so der Wunsch entsteht, sich intensiver mit diesem Innovationsökosystem zu beschäftigen. Und Firmen, die bereits häufiger im Silicon Valley waren und schon Kontakte besitzen, bekommen so einen direkten Kontakt und eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Playern vor Ort.

WTSH-Online-Redaktion: Du sprichst von Energie, die mit nach Hause genommen werden soll. Damit ist bestimmt auch diese typische Geisteshaltung gemeint, von der immer wieder die Rede ist. Ganz schnell – fünf Begriffe: Welches sind die typischen Kardinaltugenden im Silicon Valley?

Jöhnk: Neugierde, Risikobereitschaft, Größenwahn, Kollaboration und harte Arbeit.

WTSH-Online-Redaktion: Und das alles findet sich dann wieder in agilen Managementstrukturen und in einer bestimmten Geisteshaltung. Was ist damit eigentlich gemeint?

Jöhnk: Ein guter Freund und Mentor von mir sagt gerne, dass das Silicon Valley voller Spinner ist. Jede Gründerin hat die nächste große Idee, jeder Gründer glaubt, dass er den Markt verändern wird – so wie es von Uber, Amazon und Google vorgemacht wurde. 99,9 Prozent werden scheitern, aber das stört niemanden. Die 0,1 Prozent, die tatsächlich was bewegen, tragen dann wieder zu diesem Phänomen Silicon Valley bei. Was mir immer wieder auffällt, ist die Energie und der Wille, der alles und jeden umgibt. Man probiert aus und Sätze wie “Das wird sowieso nicht funktionieren” hört man nicht. Wenn es dann dennoch scheitert, ist das dann eben so. Und niemand sagt: “Das habe ich doch gleich gesagt”. Man schränkt sich von Beginn an gedanklich eben nicht gleich ein.

WTSH-Online-Redaktion: Was können denn Unternehmen hier tun, um diese Geisteshaltung zu übernehmen, ohne sie zu kopieren?

Jöhnk: Sie sollten zu allererst einmal neugierig und aufgeschlossen sein. Und es braucht Zeit und Geduld, um die richtigen Faktoren für sich selbst zu finden und in das eigene System zu integrieren. Wichtig ist, dass jeder Innovationsprozess von der Geschäftsführung unterstützt wird. Und ich würde behaupten, dass 90 Prozent des Nutzens erst langfristig sichtbar werden. Innovation und Disruption müssen entwickelt werden. Das kann zunächst einmal viel Geld und Zeit in Anspruch nehmen. Gleichzeitig müssen natürlich kurzfristig Geschäftsziele erfüllt werden. Wenn aber das Management um seinen Stuhl fürchten muss, weil ihm innerhalb der ersten zwei Quartale noch kein neues tolles Businessmodell über den Weg gelaufen ist, dann lähmt das die Möglichkeiten. Wenn hingegen die Geschäftsleitung diese langfristige Strategie unterstützt und vorlebt, dann trauen sich diese Teams auch mal, was zu wagen.

Kristin Asmussen

Vernetzt mit dem Silicon Valley

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