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80 Jahre Schleswig-Holstein

80 Jahre Schleswig-Holstein – das ist mehr als ein Jubiläum.

Es ist die Geschichte eines Landes, das sich immer wieder neu erfunden hat: von den Herausforderungen der Nachkriegszeit über den Aufbruch als modernes Bundesland bis hin zur Rolle als Vorreiter in Klimaschutz und Energiewende. 

Besonders prägend ist dabei die deutsch-dänische Geschichte. Die dänische Minderheit im Landesteil Schleswig, die Nähe zu Dänemark und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit machen Schleswig-Holstein zu einem echten Brückenbauer zwischen Nord- und Mitteleuropa. Der echte Norden steht heute für Vielfalt und Zusammenhalt. Und in Zukunft? Ein Jubiläumsinterview mit Ministerpräsident Daniel Günther und Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen.

80 Jahre Schleswig-Holstein: Vom Neuanfang zum Zukunftsstandort

Am 23. August 1946 erhielt die preußische Provinz Schleswig-Holstein durch Verordnung Nr. 46 der britischen Militärregierung den Status eines Landes. Mit der Gründung der Bundesrepublik am 23. Mai 1949 wurde Schleswig-Holstein offiziell ein Bundesland. Die Bevölkerung wuchs sprunghaft von 1,6 Millionen (1939) auf 2,7 Millionen (1946) durch über eine Million Flüchtlinge und Vertriebene. Diese Herausforderung prägte den Neuanfang nachhaltig. 

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Zum Einstieg eine Wissensfrage zu den kulinarischen Besonderheiten im echten Norden: Welche Zutaten gehören in ein Schnüüsch und in einen Backofenkater?

Daniel Günther: In ein Schnüüsch gehören Bohnen, Kohlrabi, Kartoffeln, manchmal auch Fleisch. Und ein Ofenkater ist ein Birnen-Speck-Auflauf im Teig. Das Spannende an unseren schleswig-holsteinischen Gerichten ist oft der Gegensatz von süß und salzig in einem Gericht. So wie bei den Mehlbüddeln oder den süßen Karamellkartoffeln zum Grünkohl. 

Wer das nicht kennt, fragt sich anfangs sicher: Was machen die da oben im Norden? Da muss man sich schon ein bisschen rantasten.

Claus Ruhe Madsen: Stimmt! An manche Gerichte muss man sich rantasten. Ich werde immer wieder zu neuen Essen eingeladen, von denen ich vorher nichts wusste. Und ich bin immer wieder überrascht von der Vielfalt und der Verbindung unterschiedlicher Zutaten. Ich mag auch mittlerweile fast alles. Nur bei Zucker auf dem Grünkohl, da hört es bei mir auf!

Daniel Günther: Ich denke schon, dass wir in Schleswig-Holstein andere manchmal überraschen. Wir haben ja das Image, dass wir eher wortkarg sind, und kokettieren damit zugegebenermaßen auch ein bisschen, wenn wir sagen „, Moin, Moin‘ ist schon Geschnacke“. Aber wer uns Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteiner dann kennenlernt, erlebt schnell, wie gesellig, fröhlich und offen die Menschen hier oben sind. Wir sind durchaus traditionsbewusst, was aber eben nicht im Gegensatz dazu steht, dass wir sehr weltoffen sind. Und ich glaube, das zeichnet unser Land besonders aus.

Claus Ruhe Madsen: Besonders – und vielleicht auch für einige unerwartet – ist hier, wie man aufeinander zugeht und zusammenkommt. Wir lösen die Dinge hier gemeinsam in Schleswig-Holstein und sind dabei sehr bodenständig und pragmatisch. Man denkt hier nicht so eingeengt. Mit dem Blick für mich als Däne und auch als Schleswig-Holsteiner – denn ich bin ja beides – vereint Schleswig-Holstein für mich das Beste aus zwei Welten. Einmal diese typisch deutsche Zielstrebigkeit und Ordnung, aber eben auch „dänischen“ Pragmatismus. Vielleicht ist auch gerade diese Verbindung der Grund dafür, dass hier eine Macher-Mentalität ausgeprägt ist. 

Wirtschaftliche Transformation

2024 betrug das Bruttoinlandsprodukt rund 126,8 Milliarden Euro – mit einem Wachstum von 1,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 99 Prozent der Unternehmen sind kleine und mittlere Betriebe, darunter zahlreiche „Hidden Champions“.

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„Die Macher-Mentalität der Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteiner: unaufgeregt handeln, sich nicht ablenken lassen und den eingeschlagenen Weg konsequent verfolgen.“

Sie sprechen von der Macher-Mentalität der Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteiner. Wenn Sie an diese Einstellung denken – gibt es ein Bild oder ein Symbol, das dies für Sie besonders gut verkörpert?

Claus Ruhe Madsen: Seitdem ich hier bin, ist das Schaf mein Lieblingstier. Wenn man hinter ihnen herfährt, juckt es sie überhaupt nicht, dass sie im Weg sind. Wenn sie unterwegs sind, dann gehen sie ihren Weg und lassen sich nicht stören – sie signalisieren: „Wir machen jetzt das, was wir vorhaben, und gehen unseren Weg.“ Sinnbildlich lässt sich das auf die Macher-Mentalität der Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteiner übertragen: unaufgeregt handeln, sich nicht ablenken lassen und den eingeschlagenen Weg konsequent verfolgen. Ich finde das sehr sympathisch. Und hinzukommt, dass es hier keine Mentalität des Jammerns gibt, sondern hier gilt:  So mok wi dat! Und zwar gemeinsam!

Das spiegelt sich ja auch in dem Motto zum 80. Geburtstagsjubiläum wider. Denn die Feierlichkeiten stehen unter dem Motto: Zusammenhalt und gesellschaftliches Miteinander.

Daniel Günther: Die Ostseesturmflut im Herbst 2023 ist ein gutes Beispiel dafür, wie gesellschaftliches Miteinander in Schleswig-Holstein gelebt wird und wie zupackend die Menschen in unserem Land sind. Die Hilfsbereitschaft nach dieser schweren Sturmflut war enorm. Es war unheimlich beeindruckend, wie schnell die Schäden gemeinsam beseitigt wurden. Noch während der Sturmflut haben überall an der Ostseeküste Einsatzkräfte und Engagierte dafür gesorgt, dass niemand zu Schaden gekommen ist. Und schon am nächsten Morgen haben tausende Menschen nicht lange geschnackt, sondern einfach geholfen, aufgeräumt und die Betroffenen unterstützt. Feuerwehren sind von der Westküste an die Ostsee gefahren. Dieses „Wat mutt, dat mutt“ ist wirklich unsere Mentalität. Ich würde auch sagen, dass man hier generell – durch die Weite des Landes zwischen zwei Meeren – die Dinge gelassener sieht, auch Herausforderungen gelassener und dadurch pragmatischer angeht, vielleicht auch mit einem positiveren Blick – indem man sie als Chance sieht. Wir lassen uns nicht so schnell anstecken von der Tristesse, sondern stecken uns ehrgeizige Ziele.

Energiewende-Vorreiter

Schleswig-Holsteins Windenergie-Geschichte begann in den 1920er-Jahren mit „Texasrädern“. 2024 stellte das Land mit 27,3 Terawattstunden Grünstrom einen neuen Rekord auf. Das Ziel: bis 2040 erstes klimaneutrales Industrieland Deutschlands werden.

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"Ich würde auch sagen, dass man hier generell die Dinge gelassener sieht, auch Herausforderungen gelassener und dadurch pragmatischer angeht, vielleicht auch mit einem positiveren Blick – indem man sie als Chance sieht."

Zum Beispiel damit, bis 2040 erstes klimaneutrales Industrieland zu sein? 

Daniel Günther: Es ist tatsächlich selbst für ein Land wie Schleswig-Holstein, das grüne Energie im Überfluss hat, ein sportliches Ziel, erstes klimaneutrales Industrieland zu werden. Aber wir produzieren doppelt so viel Strom aus erneuerbaren Energien, wie wir verbrauchen, wir haben großartige, innovative und engagierte Unternehmen, die Lust haben, an dem Ziel mitzuarbeiten, und auch die Menschen in unserem Land haben dafür eine große Bereitschaft und Offenheit. Wir wollen zeigen, dass Klimaneutralität nicht Wohlstandsverlust bedeutet, sondern den Wohlstand im Land sogar erhöhen kann.

Am Anfang hat man uns belächelt: Die Pioniere an der Westküste mit ihren Windrädern, ein bisschen verrückt, was die da oben im Norden treiben. Und heute kopiert man in anderen Ländern das, was damals hier entstanden ist. Und wir sind heute in einer komfortablen Situation. Nicht nur unser Strom aus erneuerbaren Energien ist ein Exportschlager, sondern auch unsere Ideen und unsere Forschung. Diese Chancen haben wir genutzt. Und wenn wir zeigen, dass wir das weiterhin schaffen, und zwar nicht nur bei der Produktion von Strom aus erneuerbaren Energien, sondern auch bei der Umwandlung in Wärme und in der Mobilität, dann glaube ich fest daran, dass wir dieses Ziel erreichen werden. Gerade weil wir in den vergangenen Jahrzehnten bewiesen haben, dass diese ehrgeizigen Ziele zu uns passen.

Claus Ruhe Madsen: Wir haben uns mit diesem Ziel das Fernglas aufgesetzt und denken nicht nur an morgen, sondern über Jahre hinweg. Das schafft auch Arbeitsplätze und Unternehmen schauen nach Schleswig-Holstein, weil sie unsere grüne Energie brauchen. Ein absoluter Standortfaktor, der uns in die Karten spielt. Aber auch kluge Köpfe kommen ins Land, um daran teilzuhaben, die Welt ein bisschen zu verändern.

Mit dem Ziel, erstes klimaneutrales Industrieland zu werden, zeigen wir, dass Schleswig-Holstein die Welt ein bisschen lebenswerter und besser machen will. Das macht uns attraktiv. Dass es auch immer ein Stück weit einen Eingriff bedeutet, ist klar. Aber es zeigt deutlich, wir gehen es an, gehen voran und entwickeln Lösungen.

Stichwort Eingriff. Schleswig-Holstein steht für Weite, Natur und Lebensqualität, gleichzeitig für Wachstum und Innovation im Einklang mit den Herausforderungen des klimaneutralen Wirtschaftens. Wie lässt sich dieser Spagat in Zukunft meistern?

Daniel Günther: Man muss gut erklären, warum wir das alles machen. Zum Beispiel Windkraft in der schönen Landschaft. Das spielt schon eine große Rolle. Wir haben das in den vergangenen Jahren gut austariert, indem wir zum Beispiel die Abstandsregelungen zu Wohnbebauung vergrößert haben. Es ist wichtig, die Balance zu halten. Um Verständnis zu werben für die Maß nahmen und den Menschen parallel klarzumachen, dass es ein Standortvorteil für alle ist, den Strom aus erneuerbaren Energien im eigenen Land zu produzieren, weil wir damit weniger abhängig sind, als es anderswo der Fall ist. Ich glaube aber, dass wir dafür in Schleswig-Holstein auch eine breite Akzeptanz haben.

Ich würde mir allerdings wünschen, dass die Menschen in Schleswig-Holstein zukünftig noch stärker davon profitieren, dass bei uns grüner Strom produziert wird. Das steigert die Akzeptanz der Energiewende noch mehr und trägt dazu bei, den Standort in eine klimaneutrale Zukunft zu führen, ohne die Zufriedenheit der Menschen zu beeinträchtigen, und die Einzigartigkeit unseres Landes weiter erlebbar zu machen.

Starke Branchen

Ernährungswirtschaft, Maschinenbau, digitale Wirtschaft, chemische und pharmazeutische Industrie, maritime Wirtschaft, Energiewirtschaft und Life Sciences. Der Tourismus mit zwei Küsten und 1.100 Kilometern Küstenlinie ist ein weiterer bedeutender Wirtschaftsfaktor. 

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Und das natürlich auch für Touristinnen und Touristen? 

Claus Ruhe Madsen: Schleswig-Holstein ist ein wunderschönes Land. Und die erste Antwort auf die Frage, warum Touristinnen und Touristen zu uns kommen, ist, dass sie hier wunderschöne Landschaft erleben können. 38 Millionen Übernachtungen bestätigen, dass wir offenbar vieles richtig machen. Gleichzeitig ist der Tourismus mit 160.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern eine der stärksten Säulen der schleswig-holsteinischen Wirtschaft.  

Das bedeutet, dass wir alles richtig machen, auch in Bezug darauf, dass sich die Ansprüche der Reisenden ändern? Sie achten ja heute viel stärker auf Nachhaltigkeit, Qualität und Authentizität. 

Daniel Günther: Uns spielt das absolut in die Karten. Wir sind ja auch ungeschminkt schön. Hier kann man authentische Natur und Landschaft genießen. Klima- und Naturschutz haben bei uns einen hohen Stellenwert. Wir haben zudem ein viel ausgeglicheneres Klima. Und genau darum bewahren wir uns eine hohe Attraktivität für Touristinnen und Touristen. Ich glaube, dass wir damit offene Türen einrennen.

Claus Ruhe Madsen: Die Touristinnen und Touristen merken, dass sie hier willkommen sind. Ich bin hier selbst auch so unheimlich warm empfangen worden, auch wenn ich damals zugegeben habe, nicht zu wissen, wo Itzehoe liegt. Wichtig ist aber auch, darauf zu achten, dass wir niemanden überlasten, weder die Touristinnen und Touristen noch die Einheimischen. Und dass wir ein vielfältiges Angebot bereitstellen, von den Küsten zum Binnenland, mit Musikveranstaltungen, die weit über die Landesgrenzen hinausgehen, mit Angeboten für den Fahrradtourismus und vielen anderen Highlights.

Schleswig-Holstein ist nicht nur bei Touristinnen und Touristen wegen seiner Landschaften und individuellen Angebote beliebt, sondern auch gesellschaftlich ein vielfältiges Land. Inwiefern wird diese kulturelle Vielfalt, insbesondere die Rolle der Minderheiten, auch in der Zukunft eine Rolle in Schleswig-Holstein spielen?

Daniel Günther: Ich bin davon überzeugt, dass in Schleswig-Holstein Minderheiten als Stärke angesehen werden und dass Vielfalt etwas Positives ist. Wenn beispielsweise der dänische König zu Besuch kommt und die dänische Minderheit mit dänischen Fähnchen die Straßen säumt, lassen sich viele, die nicht der dänischen Minderheit angehören, von der Begeisterung anstecken, sind dabei und genießen es auch.

Das gehört zur Identität des Landes, genauso wie die friesische Kultur. Und darum werden wir auch nicht nachlassen, diese Minderheiten weiterhin zu stärken. Friesische Philologie wird an den Unis gelehrt, Plattdeutsch, Dänisch an Schulen. Alles ist selbstverständlich. Und ich finde, dass wir darauf sehr stolz sein können.

Wenn Schleswig-Holstein heute stolz auf seine Vielfalt und den gelebten Zusammenhalt blicken kann – was wünschen Sie sich, wie diese Werte auch für kommende Generationen erhalten bleiben?

Daniel Günther: Wenn wir uns in den kommenden Jahren so positiv weiterentwickeln wie in den vergangenen 80, dann ist das eine starke Leistung. Ich bin überzeugt, dass wir die Chance haben, unser Versprechen einzulösen – nämlich, dass es jeder Generation ein Stück besser geht als der vorherigen. Der erste Schritt dafür ist der Glaube daran, dass wir das schaffen können. Und ich finde, dieser Glaube ist in Schleswig-Holstein besonders ausgeprägt. Deshalb bin ich sehr optimistisch, dass auch kommende Generationen diesen Weg weitergehen werden. Je mehr wir für den Zusammenhalt tun und zeigen, dass man miteinander mehr erreicht als gegeneinander, desto stärker wird dieses Gefühl – und vielleicht steckt das ja auch andere an. Denn genau diesen Geist brauchen wir an vielen Orten.

Bleiben Sie gespannt!

Wir stellen 2026 die Highlights aus 80 Jahren Wirtschafts-Geschichte im echten Norden vor. Lassen Sie sich überraschen von der Vielfalt Schleswig-Holsteins, den Pionieren, den Macherinnen und den Meilensteinen aus 80 Jahren. 

 

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