Energie im Wandel
Im Land des grünen Stroms
„Selbst für ein Land wie Schleswig-Holstein, das grüne Energie im Überfluss hat, ist es ein sportliches Ziel, erstes klimaneutrales Industrieland zu werden“, sagte Ministerpräsident Daniel Günther im WTSH-Interview zum Auftakt der Jubiläumsserie „80 Jahre Schleswig-Holstein“. Ehrgeizig, weil alle Sektoren von Strom und Wärme über Gebäude und Verkehr ihre Treibhausgasemissionen reduzieren müssen. Ambitioniert auch deswegen, weil äußere Faktoren wie die EU-Gesetzgebung in die Prozesse hineinwirken. Wie das zu schaffen ist? Mit dem landestypischen Pragmatismus bei der Umsetzung neuer Ideen, der auch die vergangenen 80 Jahre der energiepolitischen Landesgeschichte geprägt hat.
Atomausstieg als Ende einer Ära
Bis 2023 war Schleswig-Holstein Standort mehrerer Kernkraftwerke, darunter Brokdorf an der Elbe und Krümmel bei Geesthacht. Diese Anlagen lieferten jahrzehntelang einen bedeutenden Teil des Stroms in der Region und trugen zur Grundlastversorgung bei. Mit dem bundesweiten Atomausstieg, ausgelöst durch die Katastrophe von Fukushima im März 2011, endete jedoch die Ära der Atomenergie auch in Schleswig-Holstein. Seit dem 1. Januar 2022 wird in Schleswig-Holstein kein Atomstrom mehr produziert.
Im Westen Schleswig-Holsteins wurde über Jahrzehnte hinweg Erdöl gefördert. Diese Förderung hatte zwar eine regionale wirtschaftliche Bedeutung, ihr Anteil an der gesamten Energieversorgung des Landes blieb jedoch gering. Die Förderung fossiler Energieträger steht heute zunehmend in der Kritik – sowohl wegen ihrer begrenzten Vorräte als auch wegen der damit verbundenen Treibhausgasemissionen.
Der Rückbau der Reaktoren markiert nicht nur das Ende einer Technologie, sondern auch den Beginn eines neuen Selbstverständnisses im Land: Schleswig-Holstein ist heute in der Vorreiterrolle beim Ausbau erneuerbarer Energien, produziert deutlich mehr Strom als es selbst verbraucht und leistet so einen wichtigen Beitrag zur deutschen Energiewende. Besonders die Windenergie prägt das Landschaftsbild, daneben gewinnen auch Photovoltaik und Biogas zunehmend an Bedeutung.
Windenergie-Pioniere an der Westküste
Ziemlich genau in der Mitte zwischen Brunsbüttel und Büsum liegt die kleine Gemeinde Kaiser-Wilhelm-Koog. Auf Marschland drei Meter über dem Meeresspiegel wurde hier am 24. August 1987 Deutschlands erster Windpark in Betrieb genommen. „Ständigen Wind von vorn“, wünschte der damalige Ministerpräsident Uwe Barschel, und die 30 Windenergieanlagen mit zusammen 1.000 Kilowatt Leistung standen tatsächlich am Anfang einer technologischen Erfolgsgeschichte, die sich bis in die Gegenwart fortsetzt.
Das öffentlich geförderte Projekt GROWIAN (die klingende Abkürzung steht für „Große Windenergieanlage“) Anfang der 1980er Jahre hatte zuvor gezeigt, welche Schwachstellen in Konstruktion und Regelverhalten, Praxistauglichkeit, Aufstellung und Netzanbindung von großen Windenergieanlagen es gibt: Rotorblätter von 100 Metern Durchmesser hingen an einem rund 150 Meter hohem Turm – der GROWIAN war fast so hoch wie der Kölner Dom. Der Windenergie-Gigant sollte im Idealfall drei Megawatt Leistung liefern, was dem Dreifachen dessen entspricht, was Windräder dieser Generation an Strom produzieren konnten. Nach knapp vier Jahren und nur wenigen Tagen im Betrieb stellte der Windenergiepark Westküste das Forschungsprojekt ein.
Heute produzieren nur vier Windenergieanlagen in Kaiser-Wilhelm-Koog rund 19 Millionen Kilowattstunden elektrische Energie. Jedes einzelne Windrad hat eine Leistung von fast 2.000 Kilowatt-Stunden.
Energie veredeln, Wertschöpfung generieren
Insgesamt drehen sich in Schleswig-Holstein 3.272 hochleistungsfähige Windkraftanlagen. Sie erzeugen rund doppelt so viel Energie, als unser Bundesland verbrauchen kann. Wenn man diesen überschüssigen Windstrom nimmt und damit grünen Wasserstoff erzeugt, fungiert der Wasserstoff als Energieträger, der die Energie auch in großen Mengen zu einem späteren Zeitpunkt nutzbar macht: Ein entscheidender Vorteil für die industrielle Nutzung, die auch dann produzieren muss, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Damit ist die Nutzung von grünem Wasserstoff ein wichtiger Baustein für die Dekarbonisierung der energieintensiven Industrie, die sich mit den Erneuerbaren zugleich unabhängig von internationalen Energiemärkten macht.
Notwendig für den effizienten Einsatz von grünem Wasserstoff ist eine starke Infrastruktur („Wasserstoffautobahnen“), die sich an den Orten der Erzeugung und dem Verbrauch von Wasserstoff orientiert und mit den vorhandenen Stromnetzen zusammengedacht ist. Bis 2031 sollen in Schleswig-Holstein mehr als 200 Kilometer Leitungen des Wasserstoff-Kernnetzes entstehen, von der dänischen Grenze bis nach Hamburg und an die Nordsee, von der Hansestadt bis zur Elbmündung.
Klimaschutz als Wirtschaftsmotor
In der Stromerzeugung und beim Infrastrukturausbau geht Schleswig-Holstein seit Jahren spitzenmäßig voran. Der Hochlauf der Wasserstoff-Projekte im Land, die Elektrifizierung industrieller Prozesse und die Mobilitäts- und Wärmewende sind Herausforderungen, denen sich der echte Norden auch in den kommenden Jahren weiterhin stellen muss. Die breite Ausschöpfung des Standortvorteils der erneuerbaren Energien ist ein Schlüssel für wirtschaftlichen Aufschwung, mehr Resilienz und Sicherheit.
Bleiben Sie gespannt!
Wir stellen 2026 die Highlights aus 80 Jahren Wirtschafts-Geschichte im echten Norden vor. Lassen Sie sich überraschen von der Vielfalt Schleswig-Holsteins, den Pionieren, den Macherinnen und den Meilensteinen aus 80 Jahren.

