„Elektrische Nutzfahrzeuge sind bereits heute wirtschaftlich“
Als zentrale Anlaufstelle für Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung kümmert sich die Landeskoordinierungsstelle Elektromobilität seit 2012 um die operative Umsetzung der Strategie des Landes Schleswig-Holstein im Bereich der Elektromobilität. Sie berät und begleitet Projekte und Initiativen, führt Veranstaltungen, Workshops und Fachvorträge durch und wirkt in Gremien mit. Über die Trends und Themen, die das 2026 bewegen werden, aktuelle Herausforderungen und Entwicklungen haben wir mit den Projektkoordinatoren Jurek Schwekendiek und Ralf Tapken gesprochen.
WTSH-Onlineredaktion: Mit welchen Zukunftsthemen, Marktentwicklungen und Rahmenbedingungen wird sich die Landeskoordinierungsstelle Elektromobilität in diesem Jahr beschäftigen?
Jurek Schwekendiek: Ein Schwerpunktthema dieses Jahres wird die Umstellung in der Logistikbranche auf vollelektrische Fahrzeuge im Schwerlastverkehr sein. Diese Entwicklung zeichnet sich bereits seit einiger Zeit ab und hat vor allem im vergangenen Jahr, bedingt auch durch das Fortschreiten von beteiligten Schlüsseltechnologien wie die günstige Eigenerzeugung (PV) und Speicherung von Strom, richtig Fahrt aufgenommen. Entsprechend muss die Ladeinfrastruktur für schwere Nutzfahrzeuge im nicht-öffentlichen und öffentlichen Bereich nachziehen. Dazu wird es das Schnellladenetz E-Lkw geben: 17 Standorte in Schleswig-Holstein, davon elf an bewirtschafteten und fünf an unbewirtschafteten Parkplätzen entlang der schleswig-holsteinischen Autobahnen.
Im Bereich der Pkw spielt die Umsetzung des Deutschlandnetzes auf Initiative des Bundesministeriums für Verkehr (BMV) eine ebenso wichtige Rolle. In diesem Rahmen wird öffentliche Ladeinfrastruktur in Schleswig-Holstein an 44 Standorten einrichtet, mit einer geplanten Fertigstellung Ende 2027. Die schleswig-holsteinischen Kreise, kreisfreien Städte und Kommunen werden bei der Realisierung des Masterplans Ladeinfrastruktur 2030 des BMV unterstützt. Hier werden Unterstützungen wie z.B. Leitfäden und Seminare zum Thema Ausschreibung und Konzeptionierung von Ladeinfrastruktur die Handlungsfähigkeit stärken. Auch die Umstellung des öffentlichen Personennahverkehrs auf vollelektrische Busse gewinnt an Bedeutung.
WTSH-Onlineredaktion: Stichwort: E-Nutzfahrzeuge im schweren Straßengüterverkehr oder auch als Elektrobusse im ÖPNV. Vor welchen Herausforderungen stehen Unternehmen / Kommunen bei der Umsetzung und welche Pionier-Lösungen gibt es?
Ralf Tapken: Die Herausforderungen im schweren Güterverkehr liegen zum einen in den vergleichsweise noch hohen Anschaffungspreisen der Fahrzeuge und zum anderen in der benötigten Ladeinfrastruktur. Mehrere Firmen in Schleswig-Holstein sind jedoch in diesem Bereich sehr aktiv und haben ihre Chancen zur Elektrifizierung (z. B. Laden über Nacht oder in Pausen am Depotstandort) gut genutzt: Die Spedition Bode in Lübeck, die Nord-Spedition in Großenwiehe und Spedition Kruse in Brunsbüttel sind die Vorreiter in diesem Feld. Die Spedition Voigt in Neumünster hat vor kurzem mehrere E-Lkw bekommen und unterhält auch einen eigenen Depot-Schnelllader auf ihrem Betriebshof. Die Landeskoordinierungsstelle veranstaltet Treffen (sog. Roundtable) der Spediteure, um neue Erkenntnisse und Informationen im Land zu verteilen.
Im ÖPNV-Bereich sind die KVG Kiel und die Stadtwerke Lübeck die absoluten Vorreiter bei der Elektrifizierung von Bussen im Linienverkehr. Die Stadt Kiel ist sogar bundesweiter Vorreiter in der Umstellung des Fahrbetriebes auf rein elektrische Antriebe! Alle diese „Pioniere“ profitieren davon, dass elektrische Nutzfahrzeuge bereits heute wirtschaftlich sind.
WTSH-Onlineredaktion: Wie genau können sich die hohen Anschaffungskosten denn rechnen? Sie sind wesentlich höher als bei Verbrennern.
Ralf Tapken: Stimmt. Aber durch Einsparungen bei der Maut - bis 2031 sind E-Lkw von der Maut in Deutschland ausgenommen - und bei der Kfz-Steuer rechnet sich die Investition dennoch. Dazu kommen Einnahmen im Rahmen des Verkaufs der eingesparten CO2-Emissionen im THG-Quotenhandel sowie wesentliche geringere Wartungskosten. Die Anschaffungskosten werden mehr als kompensiert.
WTSH-Onlineredaktion: Ihr habt vorhin den Status quo in Sachen Ladeinfrastruktur erwähnt. Welche Möglichkeiten gibt es für Unternehmen / Kommunen / Privatpersonen für eine leistungsstarke Struktur zu sorgen?
Jurek Schwekendiek: Das Land Schleswig-Holstein verfügt über einen sehr gut ausgebauten Bestand an Ladeinfrastruktur. Das liegt auch daran, dass der Aufbau von öffentlicher Ladeinfrastruktur seit vielen Jahren durch Förderprogramme gezielt Rückenwind bekommt. Derzeit ist die Auslastung an den Ladepunkten oftmals zwar sehr gering, aber dies wird sich ändern, wenn der Hochlauf der E-Mobilität noch stärker erfolgt. Weitere Maßnahmen des Bundes wie z.B. der Aufbau des Deutschlandnetzes in Schleswig-Holstein, sorgen für weiteres, stetiges Wachstum von vor allem Schnellladeinfrastruktur im Land. Auch private Initiativen großer Einkaufszentren und Bau- sowie Supermärkte, an denen Ladeinfrastruktur verstärkt ausgebaut wird, wirken daran mit. Die Kommunen haben dort, wo private Initiativen nicht ausreichend vorhanden sind, die Möglichkeit, öffentliche Flächen anzubieten und so für einen Hochlauf der Ladeinfrastruktur im urbanen Raum zu sorgen. Die LKS EMOB unterstützt die Kommunen durch Schulungen und Beratungen in allen Fragen zu diesen Themen.
WTSH-Onlineredaktion: Im Bereich des Ausbaus der Erneuerbaren Energien bricht Schleswig-Holstein regelmäßig Rekorde. Was ist der Kurs der Landesregierung für die Elektromobilität im Land?
Jurek Schwekendiek: Auf dem weiteren Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur im Land liegt einer der großen Schwerpunkte, verbunden mit dem verstärkten Ausbau der Ladeinfrastruktur für den öffentlichen Nahverkehr in den Busdepots und auf den Logistik-Hubs im Land. Die Landesregierung arbeitet daran, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, die E-Mobilität weiter voranzutreiben.
WTSH-Onlineredaktion: Gibt es in diesem Zusammenhang auch interessante Förderprogramme?
Ralf Tapken: Kürzlich wurde ein neues Förderprogramm vom Bund für Privatpersonen vorgestellt, welches für Haushalte mit geringeren Einkommen Fördergelder von bis zu 6.000 Euro anbietet (BMUKN: Neues E-Auto-Förderprogramm mit sozialer Staffelung: Zuschüsse für Neuzulassungen ab 1.1.2026). Das Förderprogramm zum Aufbau öffentlicher Ladeinfrastruktur des Landes Schleswig-Holstein ist auf sehr großes Interesse gestoßen, wegen ausgeschöpfter Mittel ist jedoch eine Antragstellung zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr möglich (Förderungsprogramm - WTSH Elektromobilität in Schleswig-Holstein).
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Am Dienstag, 24. November 2026 findet das 14. Forum Elektromobilität in der Wunderino Arena in Kiel statt. Die mittlerweile größte B2B-Fachveranstaltung zur Elektromobilität im Norden bietet neben interessanten Vortragsinhalten viele Gelegenheiten zum vertieften fachlichen Austausch mit Branchenexpertinnen und -experten. In einer begleitenden Ausstellung werden Produkte, Dienstleistungen, Ideen und Projekte präsentiert.

