Mehr als Meer
Wie der Tourismus Schleswig‑Holstein seit 80 Jahren prägt
Frische Meeresluft und weite Strände, idyllische Seen und Badestellen, charmante Küstenorte – Schleswig-Holstein ist heute zu allen Jahreszeiten ein echtes Urlaubsparadies. Durch seine perfekte Lage zwischen Nord- und Ostsee, dem milden Klima und wilder Natur im Binnenland gehört der Tourismus seit Jahrzehnten zum Bild des echten Nordens. Wie der Urlaub zu einem festen Bestandteil des modernen Lebens wurde, welche Wendepunkte es in der Entwicklung gab und wo Schleswig-Holstein heute steht: zur Entwicklung des Wirtschaftszweigs Tourismus in den vergangenen 80 Jahren.
Nachkriegszeit (1945–1960er): „Erholungsurlaub“ und erste Strukturen
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs steht auch in Schleswig-Holstein der Wiederaufbau an erster Stelle. So sind zum Beispiel große Teile der jungen Landeshauptstadt zerstört. Im ganzen Land fehlt es an Essen, Kleidung, Wohnraum und Heizmaterial. Infrastrukturen müssen neu geschaffen werden. Über eine Million Flüchtlinge aus ehemaligen Ostgebieten strömt nach Schleswig-Holstein. Mit der Einführung der D-Mark 1948 gewinnt das Land an Stabilität und die Wirtschaft beginnt sich langsam zu erholen.
Das Konzept „Erholungsurlaub“ entwickelt sich ab den 1960er Jahren zu einem festen Bestandteil moderner Lebensqualität und das nicht nur für eine wohlhabende Oberschicht, sondern dank der Gewerkschaften bald auch als soziales Grundrecht für Arbeitnehmer. In Schleswig-Holstein setzte dazu der Metallarbeiterstreik 1956/57 wichtige Zeichen. 1963 wird der Anspruch auf einen gesetzlichen Mindesturlaub von 24 Werktagen pro Jahr im Bundesurlaubsgesetz verankert – ein Meilenstein.
Im Zuge des Wirtschaftswunders kann sich ein immer größerer Teil der Bevölkerung den Erwerb von Konsumgütern und auch das Reisen leisten: Üblich waren Wander- und Radurlaube, Badeurlaube an den schleswig-holsteinischen Küsten und Ausflugsfahrten, zum Beispiel zum Nord-Ostsee-Kanal oder auf die Inseln. Der Tourismus etablierte sich hier zunehmend als ergänzender Erwerbszweig.
Boomjahre (1960er–1980er): Wirtschaftliches Wachstum und neue Reisetrends
Der Wohlstand in Westdeutschland wächst. Zum Symbol des Aufschwungs wird der VW-Käfer als Exportschlager der deutschen Wirtschaft. Schleswig-Holstein ist mit Nord- und Ostsee beliebtes Urlaubsziel; Reisende profitieren von guten Bahn- und Straßenverbindungen. Badeorte an der Ostsee ziehen Familien, an der Nordsee Natur- und Ruhesuchende an. Inseln wie Sylt oder Fehmarn haben schon bald in der Saison mehr Gäste als Einheimische.
Mit ihrer zentralen Lage und der direkten Anbindung zum Nord-Ostsee-Kanal macht die Landeshauptstadt Kiel schnell auch als touristisches Ziel von sich reden. Die moderne Passagierschifffahrt nimmt seinen Ausgang mit der Einweihung des Oslo-Kais im April 1961, von dem bis heute viele Tausend Skandinavien-Fans jedes Jahr gen Norden in den Urlaub aufbrechen. Fährverbindungen nach Schweden und Litauen kommen hinzu.
Das erste Kreuzfahrtschiff, das in Kiel anlegt, ist im Juni 1974 die „Europa“ von Hapag-Lloyd Cruises. Über 50 Jahre später, im Juni 2025, feiert der Kieler Hafen den 4.000 Anlauf eines Kreuzfahrtriesen. Kurz zuvor hatte Kiel einen weiteren touristischen Meilenstein erreicht: Erstmals wird 2023 die Marke von einer Million Kreuzfahrtgästen geknackt. Seitdem gehört der Kieler Hafen zu den beliebtesten Kreuzfahrthäfen in Nordeuropa.
Strukturwandel & Wachstum (1990er–2010er): Mallorca und „der echte Norden“
Anfang der 1990er Jahre werden Reisen in den Mittelmeerraum für die Deutschen äußerst attraktiv: Mallorca ist eine der beliebtesten Urlaubsziele. Für jüngere Leute geht es mit dem Interrail-Ticket durch Europa; Fernreisen sind eher noch die Ausnahme. Nach dem Fall der Mauer 1989/1990 wächst ebenso das Interesse an einem Besuch der „neuen“ Bundesländer. Schleswig-Holstein kann mit dem Ausbau von Ferienwohnungen und Campingplätzen, Ganzjahres- und Eventangeboten punkten.
Seit 2013 prägt die Landesdachmarke „Schleswig-Holstein. Der echte Norden.“ den Außenauftritt des Landes. War die Skepsis gegenüber dem „echten Norden“ anfangs groß, ist er inzwischen einer der bekanntesten Slogans in Deutschland und trägt mittlerweile maßgeblich zur touristischen Profilbildung bei. Werte wie Authentizität, Bodenständigkeit und Verlässlichkeit werden mit dem „echten Norden“ verbunden und sorgen auch bei den Einheimischen für Identifikation.
Krisen & Beschleuniger (ab 2020): Pandemie als Wendepunkt
Im Frühjahr 2020 gelangt der Corona-Virus nach Deutschland. Ab Mitte März schließen mit dem ersten Lockdown Schulen und Kindertagesstätten, Gastronomie und Einzelhandel, Freizeit- und Sporteinrichtungen. Der Inlands- und noch stärker der Tourismus aus dem Ausland ist davon betroffen und bricht massiv ein. Für viele Monate sind Reisen nicht planbar – bei den Gastgeberinnen und Gastgebern wie bei Gästen und Einwohnerinnen und Einwohnern in Schleswig-Holstein herrscht große Unsicherheit.
In den Folgejahren tritt ein Nachhol-Effekt ein: Wer in der Corona-Zeit von Urlaub träumte, fährt jetzt wieder los. Besonders der Bereich Camping boomt, auch in Schleswig-Holstein. Der Urlaub im eigenen, mobilen „Zuhause“, der individuell zu gestalten ist und mitten in der Natur stattfindet, erfüllt alle Anforderungen. Schleswig-Holstein ist auch 2025 das von inländischen Gästen am meisten besuchte Reiseziel zum Campen. Binnen 20 Jahren hat sich die Zahl der Campingübernachtungen bis heute mehr als verdoppelt.
Gegenwart: Rekordniveau und Wirtschaftsmotor
Heute zählt Schleswig-Holstein zu einem der beliebtesten Urlaubsländer in Deutschland. Mit seinen hohen Übernachtungszahlen, die sich auf Wertschöpfung in verschiedenen Marktsegmenten auswirken, prägt der Tourismus als bedeutender Wirtschaftszweig Arbeitsplätze, Infrastruktur und regionale Entwicklung in allen Teilen des Landes.
Die Tourismusstrategie Schleswig-Holstein 2030 setzt sich zum Ziel, dass Schleswig-Holstein Vorreiter für einen nachhaltigen und verantwortungsbewussten Qualitätstourismus wird. Viele lokale Betriebe und Verbände im Land engagieren sich schon heute für eine nachhaltige Entwicklung im Tourismus, angefangen bei nachhaltiger Mobilität über die Zertifizierung mit TourCert bis hin zu Fachkräfteinitiativen.
Bleiben Sie gespannt!
Wir stellen 2026 die Highlights aus 80 Jahren Wirtschafts-Geschichte im echten Norden vor. Lassen Sie sich überraschen von der Vielfalt Schleswig-Holsteins, den Pionieren, den Macherinnen und den Meilensteinen aus 80 Jahren.

