Transformationsplan macht Herausforderung „Klimaneutralität“ für KMU beherrschbar
Sabrina Schiefelbein, Projektingenieurin bei RECASE Regenerative Energien, erstellt Konzepte zur Dekarbonisierung von Unternehmen und steht ihnen als Partner für die Umsetzung zur Seite
Schleswig-Holstein strebt an, bis 2040 klimaneutral zu sein. Der Transformationsdruck zu mehr Energieeffizienz und weniger Treibhausgasemissionen nimmt auch für kleine und mittlere Unternehmen zu. Mit welchen Maßnahmen Unternehmen starten können und wie der Aufwand überschaubar bleibt, beantwortet Sabrina Schiefelbein im Interview mit dem Transfer-Hub Klimaneutrales Wirtschaften Schleswig-Holstein.
Transfer-Hub Klimaneutrales Wirtschaften Schleswig-Holstein: Was unterscheidet einen Transformationsplan von einer Energieberatung?
Sabrina Schiefelbein: Der Unterschied besteht vor allem in der Zielsetzung und der strategischen Tiefe. Eine klassische Energieberatung oder ein Energieaudit (nach DIN EN 16247) ist oft eine Momentaufnahme: Wir schauen uns den Ist-Zustand an und suchen nach sofortigen Optimierungsmöglichkeiten – es umfasst quasi die Frage: „Wie spare ich heute Kosten und Energie?“. Ein Transformationsplan ist eine strategische Planung zur vollständigen Dekarbonisierung eines Unternehmens. Er beantwortet die Frage: „Wie sieht mein Unternehmen zum Beispiel im Jahr 2045 aus, wenn es komplett klimaneutral arbeitet, und welche Schritte muss ich wann gehen, um dort anzukommen?“. Ein Energieaudit ist oft der perfekte Startschuss, um die nötige Datengrundlage zu schaffen. Der Transformationsplan nimmt diese Daten und baut darauf eine langfristige Investitions- und Technologiestrategie auf.
Was sind wesentliche Bestandteile eines Transformationsplans? Gibt es „low hanging fruits“, die Unternehmen schnell und einfach umsetzen können?
Im Kern besteht der Plan aus einer CO₂-Startbilanz und einer Roadmap mit konkreten Zielzuständen. Wir entwickeln Szenarien: Wann wird die Gasheizung durch eine Wärmepumpe ersetzt? Wann wird die Flotte elektrifiziert? Wann kommt die PV-Anlage aufs Dach? Das Ganze wird mit Investitionskosten und Förderoptionen hinterlegt.
Natürlich gibt es „Low-Hanging-Fruits“, die Unternehmen schnell und unkompliziert umsetzen können. Dazu gehören oft die Optimierung von bestehenden Anlagensteuerungen (z.B. Druckluft, Lüftung), der Tausch von Pumpen oder Beleuchtung auf LED sowie die Einführung eines simplen Monitorings. Solche Maßnahmen refinanzieren sich oft extrem schnell und schaffen erste Erfolgserlebnisse für das Team, während wir parallel die großen Brocken planen.
Warum ist die Erstellung eines Transformationsplans für KMU auf dem Weg in die Klimaneutralität ein empfehlenswertes Vorgehen?
Planungssicherheit ist hier das entscheidende Stichwort. Wir bewegen uns in einem Markt mit steigenden CO₂-Preisen und unsicheren Energiemärkten. Wer jetzt keinen Plan hat, läuft Gefahr, in ein paar Jahren zu teuren Ad-hoc-Reaktionen gezwungen zu sein oder Vermögenswerte (wie alte Heizsysteme) abschreiben zu müssen, die nicht mehr betrieben werden dürfen.
Ein Transformationsplan macht den riesigen Berg „Klimaneutralität“ für KMU beherrschbar. Er zerlegt ihn in wirtschaftlich sinnvolle Einzelschritte. Unternehmen investieren so zum richtigen Zeitpunkt in die richtige Technologie und sichern sich damit langfristig ihre Wettbewerbsfähigkeit – und erfüllen ganz nebenbei auch die steigenden Anforderungen von Banken und Lieferketten in Sachen Nachhaltigkeit.
Welche Voraussetzungen müssen für die Erstellung eines Transformationsplans erfüllt sein? Ist es beispielsweise notwendig, ein Energie- oder Umweltmanagement-System im Unternehmen implementiert zu haben?
Die Hürde ist niedriger, als viele denken. Man benötigt weder eine ISO 50001 noch ein EMAS-Zertifikat, um zu starten. Was wir brauchen, sind Daten: Energieverbräuche und technische Daten der Anlagen und Prozesse. Je besser die Daten, desto schärfer wird der Plan. Deshalb sind Smart Meter oder digitale Monitoringsysteme natürlich Gold wert und erleichtern unsere Arbeit enorm, da sie statt Jahres-Schätzwerten echte Lastgänge liefern. Aber auch ohne diese High-End-Ausstattung können wir starten. Oft ist der Transformationsplan sogar der Auslöser, um solche Messsysteme überhaupt erst sinnvoll einzuführen. Wir holen die Unternehmen dort ab, wo sie stehen – ob mit Excel-Liste oder vollautomatisierter Datenerfassung.
Welche Rolle nimmt RECASE Regenerative Energien GmbH im Transformationsprojekt ein? Unterstützen Sie auch bei der Antragstellung beim Fördermittelgeber?
Wir sehen uns nicht nur als Konzeptersteller für die inhaltliche Ausarbeitung des Transformationsplans, sondern als Partner für die Umsetzung. RECASE liefert die technische Expertise für den Plan selbst, aber wir navigieren unsere Kunden auch durch den oft komplexen Förderdschungel. Konkret heißt das: Wir prüfen, welche Fördertöpfe passen, bereiten die technischen Beschreibungen vor und unterstützen bei der Kommunikation mit den Behörden bis hin zum Verwendungsnachweis. Da ich als Energieeffizienz-Expertin und Energieauditorin gelistet bin, erfülle ich die formalen Anforderungen, um die Förderfähigkeit für den Transformationsplan (Modul 5 der EEW-Förderung) überhaupt erst herzustellen, falls das Unternehmen kein eigenes zertifiziertes Managementsystem hat. Wir nehmen dem Kunden also den bürokratischen Schmerz, damit er sich auf sein Kerngeschäft konzentrieren kann.
In der Bundesförderung für Energie- und Ressourceneffizienz in der Wirtschaft - Modul 5: Transformationspläne werden Transformationspläne mit einer IST-Analyse, einer Zielfestlegung mit einer prognostizierten Treibhausgasneutralität bis 2045, einem Maßnahmenplan und einer Verankerung in der Unternehmensstrategie gefördert.
Im Rahmen der Bundesförderung für Energieberatung für Nichtwohngebäude, Anlagen und Systeme, Modul 1: Energieaudit DIN EN 16247, werden Energieaudits gefördert, die den wesentlichen Anforderungen an ein Energieaudit im Sinne von § 8a des Gesetzes über Energiedienstleistungen und andere Energieeffizienzmaßnahmen (EDL-G) und insbesondere den Anforderungen der DIN EN 16247 entsprechen.

