Unternehmens-Pubertät

StartUps auf der Schwelle zum etablierten Unternehmen

Denken wir an weltberühmte, ehemalige  StartUps, fallen uns Spotify, apple oder uber und airbnb ein. Mittlerweile sind sie längst keine StartUps mehr, sondern milliardenschwere Unternehmen.  Aber was unterscheidet eigentlich ein StartUp von einem jungen Unternehmen und ab wann ist ein StartUp eben kein StartUp mehr? Die WTSH-Online-Redaktion sprach darüber mit alten Hasen und Neulingen aus Schleswig-Holsteins Wirtschaft, die trotz einiger Unterschiede auch eines gemeinsam haben: sie haben die Corona Pandemie überstanden:

Das Bild zeigt Gründer und Geschäftsführer Maximilian Schay von der mybamboo GmbH

Maximilian Schay gründete zusammen mit Jonas Stolzke noch während des Studiums das Unternehmen my Boo 2012 in Kiel. „Wir hatten keine Ahnung von Fahrrädern, Ghana oder Bambus, aber wir hatten gleich das Gefühl, dass es eine tolle Idee ist“, sagt er. Heute baut my Boo Bambusfahrräder und E-Bikes, beschäftigt 40 Mitarbeiter in Deutschland und 40 Rahmenbauer in Ghana. Auch während Corona hat myboo einen starken Wachstumskurs beibehalten. Sowohl mit der Bambusfahrrad Manufaktur my Boo als auch mit den “Küstenrad” Standorten. myboo profitierte einerseits von der der Nachfrage nach Fahrrädern & E-Bikes, gleichzeitig gab es aber auch starke Einbußen zum Beispiel durch die Schließung der Einzelhandelsstandorte während des Lockdowns als auch durch einen Einbruch des Touristikgeschäfts. “Unsere Schule in Ghana war knapp ein Jahr geschlossen durch die Corona Maßnahmen der ghanaischen Regierung, erzählt Maximilian Schay. “Seit einigen Monaten ist die Schule glücklicherweise wieder geöffnet und fast 400 Kids gehen dort mittlerweile zur Schule, mit steigender Tendenz!”

Das Bild zeigt Bastian Schütt, Gründer und Geschäftsführer der eyespec GmbH

Bastian Schütt, einer von drei Gründern von Eyespec, das optische Inspektionssysteme für industrielle Kunden herstellt, startete in Heide. „Wir sind 2012 gestartet und haben erstmal klassisch Klinken geputzt.“ Heute liefert die Eyespec FAW Group nach China, Israel, Amerika und andere Teile der Welt.  Die vergangenen eineinhalb Jahre hatten auch für eyespec Auswirkungen auf das Geschäft. “Von Einfrieren laufender Aufträge und stoppen von geplanten Investitionen unserer Kunden war vieles dabei, was unser bis dato jährliches Wachstum beeinflusste und uns vor neue Herausforderungen stellte”, erzählt Bastian Schütt. Im Frühjahr 2021 habe sich das Blatt aber wieder gewendet und “...wir werden mit Aufträgen überhäuft”, so Schütt.  “Unser positiver Blick hat sich für das Jahr 2021 bisher bewahrheitet und bleibt auch für 2022 bestehen."

Das Bild zeigt Inhaber und Geschäftsführer Dr. Frank Bock von der Coronic GmbH im Gespräch

Dr. Frank Bock gründete 2003 die CORONIC GmbH, gemeinsam mit Andreas Harder CORONIC unterstützt Finanzdienstleister bei der Entwicklung, Absicherung und Härtung von Bank- und Kaufprozessen im Internet. Neben der Sicherheit für klassische Transaktionsdienste wie PIN, TAN und push bietet das Unternehmen Voice-Banking und Biometrische Authentifizierungsverfahren - inklusive der notwendigen regulatorischen Freigaben für europäischen Banken. Heute beschäftigt das Unternehmen 30 Mitarbeiter. Während der Corona Pandemie arbeitete man verstärkt im Home Office, was allerdings kein großer Unterschied zu den Zeiten vor der Pandemie war, denn remote work wird bei Coronic bereits seit zehn Jahren praktiziert.  Frank Bock sagt, dass Coronic nicht unter der Pandemie gelitten habe – im Gegenteil.  “Aber Corona hat unsere Kunden getroffen, so dass einige Prozesse auf Kundenseite etwas länger dauerten”, resümiert er.  “Uns geht es gut. Softwareentwicklung ist ja eher einer der Krisengewinner”, so Frank Bock.  

WTSH-Online-Redaktion: Beginnen wir mit my Boo und auch Eyespec. Auch Eure Unternehmen sind nun schon einige Jahre am Markt. Würdet Ihr Eure Unternehmen noch als StartUps bezeichnen? 

Maximilian: Ich denke, wir sind gerade auf der Schwelle. Anfangs haben wir in unserer WG-Küche Hypothesen aufgestellt, ausprobiert und wieder verworfen. Mittlerweile steigen unsere Mitarbeiterzahlen. Aber allein im vergangenen Jahr haben wir zehn neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt. Nun werden Kompetenzen und Zuständigkeiten aufgeteilt. Wir spüren deutlich, dass nun Prozesse extrem wichtig sind und dass wir scheitern würden, wenn wir darauf nicht eingehen würden. Allein die Produktionsplanung für die Mechaniker ist Wochen im Voraus geplant und der Einkauf und die Vorproduktion darauf abgestimmt. Im laufenden Betrieb merken wir manchmal, dass ein Prozess fehlt, den wir dann erstmal einrichten – da agieren wir dann noch wie ein StartUp. 

Bastian: Das ist bei uns auch so. Man kann sich nicht mehr mit jeder Mitarbeiterin und jedem Mitarbeiter so innig austauschen wie es am Anfang war, das hat Vor- und Nachteile. Ich sehe uns aktuell in der Mitte. Wir haben in diesem Jahresabschluss wieder 50 Prozent Umsatzwachstum. Doch der Innovationscharakter steht ganz vorne, so sind wir der Konkurrenz einen Schritt voraus, das bleibt auch in Zukunft unser Fokus. 

WTSH-Online-Redaktion: Flexibilität, Risikofreudigkeit, Mut und Innovativität: Das sind die Attribute eines StartUps. Wieviel habt ihr Euch davon erhalten? Die Frage geht zunächst an den „alten Hasen“ in unserer Runde...

Frank: Ich glaube darauf gibt es zwei Antworten: in Bezug auf die Technologienutzung oder die Produktentwicklung sind wir immer noch innovativ und schwimmen vorne auf der Welle:  künstliche Intelligenz, Biometrie und Authentifizierungsverfahren, Online-Payment, solche Sachen eben. In Bezug auf die Unternehmensorganisation, die Prozesse und die Unternehmensführung entwickeln wir uns zu „einem alten Hasen“. Wenn man nur zehn oder 15 Leute hat, gehen viele Sachen noch bilateral, auf Zuruf oder über den Flur. Irgendwann kippt das Ganze dann und man braucht vernünftige Strukturen im Unternehmen … so wie in jeder älteren Firma.

Maximilian: Wir versuchen möglichst viel Flexibilität, Einsatz und Kundenfreundlichkeit zu erhalten. Das sind unsere Stärken. Nun stehen wir vor der Herausforderung, diese Eigenschaften zu forcieren und dabei wollen wir alle mitnehmen. 

WTSH-Online-Redaktion: Kickertisch, Hund im Büro, Homeoffice, könnt ihr Euren Mitarbeitern so etwas noch bieten?

Bastian: Meine Prämisse ist es, unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern fast alles zu ermöglichen, was Goodies und Wertschätzung angeht. Solche Investitionen sind langfristig. Mitarbeiterfeste, Sommerfeste, das gehört zu unserer Kultur, die wir uns anfänglich schon als Startup auf die Fahne geschrieben haben. Wobei es immer schwerer wird, dem Arbeitnehmer gerecht zu werden. Leute, die von Anfang an dabei sind, wachsen mit, wenn es dem Unternehmen gut geht. Aber es gibt nicht nur gute Jahre. Neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bringen wieder anderen Spirit mit. Das zusammenzubringen, das ist die Wende, an der man merkt, was einen vom StartUp trennt. Auch das Arbeiten an Wochenenden war am Anfang viel mehr.

WTSH-Online-Redaktion: Ihr hättet alle einfach Karriere machen können. Ihr habt aber den Weg gewählt, etwas aufbauen zu wollen. Wann habt ihr ruhiger geschlafen? In der Anfangszeit oder jetzt?

Frank: Um im Bild zu bleiben, würde ich sagen, man schläft nie ganz ruhig, auch wenn mein Schlaf tatsächlich ganz entspannend ist. Aber als Unternehmer nimmt man seine Sorgen, die Sorgen des Personals und die der Firma immer mit in den Feierabend, mit ins Wochenende und sozusagen auch mit ins Bett. Das hat sich nicht geändert und es ist auch gut so, denn man lebt ja das Unternehmersein. Ich glaube nur, dass ich das mit 30 Jahren noch viel entspannter konnte, als jetzt mit um die 50.

Bastian: Das ist pauschal nicht zu beantworten. Nach der Gründung ist man ruhig, weil man etwas geschafft und geschaffen hat. Dann kommt eine Zeit, wo man weiß, dass man Aufträge braucht, Dann wieder eine Zeit, die weniger existenziell ist. Unterm Strich ist es aber immer unruhig. Es gibt keinen Tag, an dem man nicht an die Firma denkt. Man steht für das Unternehmen komplett ein und sucht keinen Exit.

Maximilian: Seitdem wir sehen, dass wir konstant wachsen, schlafen wir ruhiger. Weil es grundsätzlich funktioniert. Wenn man jung gründet, macht man es mit Begeisterung und Leidenschaft und gibt mehr als 100 Prozent. Ich habe gelernt, dass man nicht dauerhaft 100 Prozent geben kann. Ausgleichsphasen sind immens wichtig. Es gibt keinen Tag, an dem ich mich nicht mit der Firma beschäftige, aber den Ausgleich schaffe ich heute besser. Das ist am kompliziertesten zu lernen: Es ist am Ende kein Sprint, sondern ein Marathon.

WTSH-Online-Redaktion: War die Risikobereitschaft früher größer?

Frank: Den Zahlen nach definitiv nein. Die Gründung der Firma war wirtschaftlich betrachtet ein eher kleines Projekt. Heute sind Produktentwicklungen bei uns um ein Vielfaches teurer als die Gründung der ganzen Firma vor 18 Jahren. Aber ich denke, man war damals unbekümmerter und hat sich gesagt: das wird schon. Wenn man heute zu viel riskiert und grobe Fehler macht, hängt ja die Existenz einer ganzen Reihe von Kollegen und Freunden daran. Man wird also zwangsläufig vorsichtiger, was auch sein Gutes hat.

Bastian: Die Bereitschaft überhaupt etwas aus dem Boden zu stampfen, war früher größer, weil man mit nichts angefangen hat. Heute verpassen einem Entscheidungen im ungünstigen Fall eher ein blaues Auge als einen Knockout.

Maximilian: In einzelnen Entscheidungen ist sie jetzt größer, weil man sich anders als früher, etwas leisten kann.

WTSH-Online-Redaktion: Hättet ihr damals gedacht, dass ihr heute hier sitzt und darüber sprecht, dass ihr an der Schwelle zu einem etablierten Unternehmen steht oder – wie im Fall Coronic – ein fest etabliertes Unternehmen seid?

Frank: Da bin ich definitiv der falsche Ansprechpartner. Ich war Ende der Neunzigerjahre Angestellter in einer Internet Firma: DOT-COM-Blase, an die Börse gehen, 200 Prozent Mitarbeiterwachstum jedes Jahr. Ich bin sozusagen davon ausgegangen, dass es immer raketenmäßig nach oben geht. Als ich dann 2002 selbst gegründet habe, war der ganze Hype vorbei. Wir sind bei CORONIC viel langsamer gewachsen, als ich es anfangs erwartet habe: ganz solide und ruhig, immer aus eigener Kraft, Schritt für Schritt, eher 20 Prozent als 200 Prozent. 

Bastian: Definitiv nein. Ich habe in einer wirtschaftlich schwachen Zeit als Diplom-Kaufmann meinen Abschluss gemacht und 200 Bewerbungen rausgehauen. Da habe ich nicht ans Gründen gedacht. Aber man wächst eben mit seinen Aufgaben und darüber hinaus. Alles geht.

Maximilian: Ich wusste schon als Jugendlicher, dass ich selbstständig sein will und gründen möchte. Ich hatte als Kind schon mit dem Edeka-Mann im Dorf schon vereinbart, dass ich das Geschäft später übernehme. Witzigerweise ist genau dort heute unser Mini-Fahrradladen. Wir sind Schritt für Schritt reingewachsen und das machen wir auch weiter so.

WTSH-Online-Redaktion: Wo habt ihr gelernt ein Unternehmen zu führen?

Frank: Ich definitiv in der DOT-COM-Blase. Ich war erst Produktmanager im Unternehmen und hatte die Idee für ein börsentaugliches Produkt. Dann bin ich so etwas wie der Assistent des Vorstandsvorsitzenden geworden und da hieß es dann ganz einfach: schreib mal den Businessplan, kümmere dich um die Bilanzen, mach eine GuV und rede mit den Banken. Ursprünglich bin ich ja Diplom-Physiker, meine Ausbildung zum Kaufmann war sozusagen klassisches Training on the Job. 

Bastian: Gelernt habe ich es nicht. Es gab nichts im Studiengang, das mich darauf vorbereitet hätte. Positiv war, dass ich nicht allein gegründet habe. Allein schon, weil ich die Informatik-Expertise nicht hatte. Die anderen beiden Gründer haben das viel mehr drauf. Es ist ein großer Unterschied, ob man Sparring-Partner hat, um Entscheidungen und Ideen nicht mit sich alleine austragen zu müssen. Jeder bringt seinen Teil mit rein.

Maximilian: Ich stimme dir absolut zu, dass es ein gutes Gefühl ist, nicht allein zu gründen, das würde ich jedem empfehlen. Wichtig sind eine gemeinsame Idee und Vision. Die Art wie man dort hinkommt, muss nicht identisch sein. Man sollte auch extern Leute suchen, mit denen man Sachen reflektiert. In meinem Fall waren es meine Eltern. Mir hat es sehr viel gebracht. Ich nutze heute viel Podcasts, täglich ein oder zwei mit spannenden Unternehmern und Persönlichkeiten, die alle etwas Spannendes mitbringen. Ich nehme aus allem etwas mit für meine tägliche Arbeit. Am Ende sind es die Erfahrung und das Reflektieren der Erfahrung, Offenheit, Kritikfähigkeit, Verantwortung.

WTSH-Online-Redaktion: Ab wann hat man begonnen euch ernst zu nehmen?

Bastian: Bei uns ist der Kundenkreis industriell, statisch, starr, oft auch eingefahren. Wir haben mit Kaltakquise und Klinkenputzen angefangen und das mit einem erklärungsbedürftigen Produkt. Bis wir ernstgenommen wurden und die richtigen Ansprechpartner bekamen, das dauerte ein Jahr. Nach drei Jahren konnten wir Referenzen aufweisen und es kamen die ersten Wiederholungstäter. Das war enorm wichtig für uns.

Maximilian: Bei uns war es vom Zeithorizont ähnlich. Alle fanden die Idee gut, aber man fragte uns dann nach einer Weile immer noch, ob wir „das mit den Fahrrädern“ immer noch machen und konnte sich nicht vorstellen, dass damit ein Unternehmen läuft. In der Branche dauerte es, aber wir haben viel PR gemacht, waren auf Messen und Veranstaltungen. Wir sind immer noch viel kleiner als andere Hersteller, aber wir werden ernstgenommen. Wir wollten Bambus als Werkstoff bekannt machen und das haben wir erreicht. Etwas anderes ist es, wenn wir bei der Bank mit unserem Gesellschafter sitzen, dessen Unternehmen zehnmal so groß ist wie unseres. Institutionen gehen mit ihm als Unternehmer anders um als mit uns.

WTSH-Online-Redaktion: Was können etablierte Unternehmen von euch lernen?

Maximilian: Wir stehen an einem Punkt, wo wir aus beiden Welten etwas vereinen. Etabliertere Unternehmen können wir inspirieren, dass man agil schnell und kreativ sein kann, Lösungen am Markt und nicht unter Verschluss testet. Von ihnen können wir lernen, Strukturen zu schaffen oder Netzwerke zu bauen.

Das Interview führte Ute Leinigen

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